Indien 2026 - Tag 9:
Tag der Tempel

Der zweite Tag in Vellore begann früh – bereits um 7:30 Uhr verließen wir das Hotel und stärkten uns in einem kleinen Restaurant in der Nachbarschaft mit einem einfachen, aber köstlichen Frühstück. Noch lag eine gewisse Ruhe über der Stadt, als wir uns anschließend in eine Autorikscha setzten und in Richtung der Palamathi Hills aufbrachen.

Die Fahrt hinauf in die Berge war bereits ein Erlebnis für sich, doch der Besuch des Balamathi Arulmigu Kuzhanthai Velayaudhapani Tempels übertraf alles. Hoch oben gelegen, eröffnete sich uns eine atemberaubende Aussicht über die Landschaft rund um Vellore – ein Ort, der gleichermaßen Ruhe und Ehrfurcht ausstrahlt. Die klare Luft, die Weite und die Stille machten diesen Moment zu etwas ganz Besonderem.

Nach diesem eindrucksvollen Zwischenstopp fuhren wir wieder ein Stück zurück in Richtung Stadt, mit dem Ziel, dem leineren Amman-Tempel in den Hügeln zu finden. Doch was zunächst nach einem kurzen Abstecher klang, entwickelte sich zu einer kleinen Herausforderung. Erst im zweiten Dorf fanden wir schließlich einen begehbaren Pfad. Der Weg führte uns steil bergauf, vorbei an trockener Vegetation und unter der brennenden Sonne – bei 37 Grad eine echte Prüfung.

Doch die Anstrengung wurde belohnt: Versteckt in einem fast märchenhaften Wald, umgeben von riesigen, verwitterten Steinblöcken, lag der kleine Tempel – ruhig, abgeschieden und beinahe geheimnisvoll. Ein Ort, der sich anfühlte, als hätte ihn die Zeit vergessen.

Für den späteren Nachmittag hatten wir eigentlich einen Besuch im berühmten Goldenen Tempel von Vellore geplant, dem etwa 15 Kilometer außerhalb der Stadt gelegenen Sri Lakshmi Narayani Tempel. Voller Vorfreude ließen wir uns von einem Taxi dorthin bringen. Doch vor Ort erwartete uns eine ganz andere Realität: Menschenmengen, Eintrittsgebühren und strenge Regeln – keine Taschen, keine Mobiltelefone und erst recht keine Fotos.

Irgendwie fühlte sich das nicht richtig an. Also entschieden wir uns spontan, umzudrehen und unseren eigenen Weg zu gehen.

Nur wenige hundert Meter entfernt entdeckten wir schließlich einen kleinen, unscheinbaren Tempel, der auf einer ruhigen Anhöhe lag und eine wunderbare Aussicht bot. Es war einer dieser Orte, die man nicht plant – und gerade deshalb so besonders sind.

Dort wurden wir von einem alten, grauhaarigen Mann in orangefarbenen Kleidern empfangen. Er war gerade dabei, seine beiden Kühe zu füttern, die friedlich neben dem Tempel standen. Worte hatten wir kaum zur Verfügung – unsere Verständigung bestand aus Gesten, Lächeln und Blicken. Doch das reichte völlig aus.

Er bedeutete uns, ein Foto von ihm zu machen, und bat uns anschließend zum Eingang des Tempels. Offensichtlich war er so etwas wie der Hüter dieses Ortes. Mit einer Selbstverständlichkeit stellte er drei Plastikstühle für uns auf und deutete an, dass wir Platz nehmen sollten. Dann verschwand er eine Treppe hinunter.

Nach etwa fünf Minuten kam er zurück – mit einem Schlüssel in der einen Hand und einer Kanne Kaffee in der anderen. Eine freundliche Frau, die zuvor still in einer Ecke gewartet hatte, wurde von ihm gebeten, uns den Kaffee zu servieren, während er den Tempel aufschloss und im Inneren die Musikanlage einschaltete.

Frisch gestärkt durften wir den Tempel betreten. Wir erfuhren, dass in etwa einer halben Stunde eine Puja stattfinden sollte und der Priester sowie einige Gläubige erwartet wurden. Also warteten wir – in dieser ganz eigenen, ruhigen Atmosphäre.

Die Gläubigen trafen schließlich ein, doch der Priester ließ auf sich warten. Fünfzehn Minuten Verspätung – was den alten Mann sichtlich verärgerte. Mit lebhaften Gesten und hörbarem Unmut machte er seinem Ärger Luft. Wir verstanden zwar kein Wort, aber seine Botschaft war klar: Ausgerechnet heute, wo Besucher aus Deutschland da sind!

Am Ende machten wir noch ein paar Fotos – mit ihm, seinem Hund und der freundlichen Frau, die uns den Kaffee serviert hatte. Dann fuhren wir zurück ins Hotel.

Was als geplanter Besuch eines berühmten Tempels begann, wurde zu einer völlig unerwarteten Begegnung – leise, herzlich und auf eine ganz eigene Weise unvergesslich. Manchmal sind es eben nicht die großen Sehenswürdigkeiten, sondern die kleinen, zufälligen Momente, die eine Reise wirklich besonders machen.

NDIA 2026: Palamathi Temple

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