Indien 2026 - Tag 14:
Tour durch Georgetown

Schon früh am Morgen, um 7:30 Uhr, machten wir uns mit einer Autorikscha auf den Weg in den Norden von Chennai, nach Georgetown. Die Stadt war gerade erst dabei, wach zu werden, doch die Straßen waren bereits voller Leben. Unser erster Halt war das Viertel Sowcarpet – eines der ältesten und zugleich lebendigsten Viertel der Stadt.

Sowcarpet empfing uns mit einem Gewirr aus engen Gassen, dicht aneinandergereihten Geschäften und einem kaum enden wollenden Strom aus Menschen, Fahrrädern und Tuk-Tuks. Hier scheint alles gleichzeitig zu passieren. Schon seit dem 17. und 18. Jahrhundert ist dieses Viertel ein Zentrum des Handels, geprägt von Händlern aus Gujarat und Rajasthan, deren Einfluss bis heute spürbar ist. Nicht umsonst wird Sowcarpet oft als „Little North India“ im Süden bezeichnet.

Während wir durch die Straßen schlenderten, öffneten die meisten Geschäfte gerade erst ihre schweren Rollläden. Dennoch herrschte bereits ein geschäftiges Treiben – als hätte der Tag hier längst begonnen. Immer wieder wurden wir angelächelt, beobachtet oder einfach Teil des Geschehens. Besonders in Erinnerung bleibt uns ein Tuk-Tuk-Fahrer, der uns spontan auf einen Chai einlud, sowie ein Mann, der an einem Tempelwagen arbeitete und uns ganz selbstverständlich eine duftende Kette aus Jasminblüten schenkte. Kleine Gesten, die den Moment besonders machten.

Mitten in diesem hektischen Viertel verbirgt sich ein Ort der Ruhe: die Armenian Church. Von außen wirkt sie unscheinbar – eine schlichte Fassade, ein großes Holztor, das zunächst geschlossen schien. Doch es war nicht verschlossen, und so traten wir vorsichtig in den Innenhof ein. Hinter dem Tor eröffnete sich eine ganz andere Welt: ruhig, fast abgeschieden, als hätte man die Stadt für einen Moment hinter sich gelassen.

Ein älterer Mann, der kein Englisch sprach, begrüßte uns freundlich und bedeutete uns, zu warten. Kurz darauf hielt er uns sein Telefon hin. Am anderen Ende war jemand, der uns erklärte, dass er in wenigen Minuten kommen würde, um die Kirche für uns aufzuschließen. Tatsächlich dauerte es nicht lange, bis ein freundlicher Mann erschien, uns hineinließ und uns etwas über die Geschichte dieses besonderen Ortes erzählte.

Die Kirche stammt aus dem Jahr 1712 und gehört zu den ältesten in Chennai. Sie erinnert an eine Zeit, in der armenische Händler weltweit vernetzt waren und auch in Madras eine wichtige Rolle spielten. Sie handelten mit Seide, Gewürzen und Edelsteinen, und obwohl ihre Gemeinschaft nie sehr groß war, war ihr Einfluss bemerkenswert. Heute wirkt die Kirche fast wie ein Relikt aus einer anderen Zeit – still, würdevoll und ein wenig entrückt vom modernen Chennai.

Nach diesem ruhigen Zwischenstopp kehrten wir zurück ins geschäftige Treiben, stärkten uns mit einem kleinen Snack und einem frisch gepressten Ananassaft und machten uns auf den Weg zum Madras High Court. Schon von weitem beeindruckt das Gebäude mit seiner markanten roten Fassade und den kunstvollen Kuppeln. Es ist nicht nur eines der ältesten Gerichte Indiens, sondern auch eines der architektonisch eindrucksvollsten Bauwerke der Stadt. Der indo-sarazenische Stil vereint auf faszinierende Weise islamische, hinduistische und europäische Elemente und verleiht dem Komplex eine fast majestätische Ausstrahlung.

Nur wenige Schritte entfernt liegt das Fort St. George – ein Ort, an dem Geschichte greifbar wird. Erbaut im Jahr 1644 von der British East India Company, war es die erste größere englische Festung in Indien und bildete den Ausgangspunkt für die Entwicklung von Madras. Hier nahm die britische Verwaltung in Südindien ihren Anfang, und das Fort entwickelte sich schnell zu einem Zentrum von Handel, Militär und Politik.

Auch wenn heute nicht mehr alle Bereiche zugänglich sind, konnten wir das Museum besuchen, das einen spannenden Einblick in die Kolonialzeit bietet – mit alten Waffen, Uniformen, Münzen und Gemälden. Besonders beeindruckend war auch die St. Mary’s Church aus dem Jahr 1680, die älteste anglikanische Kirche Indiens. In ihren Mauern scheint die Zeit stillzustehen.

Am Ende des Tages hatten wir das Gefühl, nicht nur verschiedene Orte gesehen zu haben, sondern durch unterschiedliche Zeiten gereist zu sein – vom geschäftigen, lebendigen Sowcarpet über die stille armenische Kirche bis hin zu den monumentalen Zeugnissen der Kolonialgeschichte. Ein Tag voller Kontraste, Begegnungen und kleiner, unerwarteter Momente, die Chennai für uns ein Stück greifbarer gemacht haben.

Indien 2026 - Tag 14:
Tour durch Georgetown