Nach einem entspannten Frühstück begann unser Tag früh: Bereits um 8 Uhr wurden wir von unserem Fahrer am Hotel abgeholt. Unser erster Halt führte uns zum Bahnhof, wo wir Dilip verabschiedeten. Von dort aus trat er seine Rückreise nach Bangalore an – ein kleiner Abschied, der unsere Weiterfahrt einläutete.
Während Dilip also in die eine Richtung reiste, machten wir uns mit dem Auto auf den Weg in die entgegengesetzte Richtung – nach Chennai. Doch wie so oft in Indien ist der Weg selbst ein Erlebnis, und so legten wir unterwegs mehrere spannende Zwischenstopps ein.
Unser erstes Ziel war das Dorf Annamalaiyar, wo uns der beeindruckende Sri Theerthagiri Vadivel Subramaniya Tempel erwartete. Besonders faszinierend war die gewaltige, 28 Meter hohe Statue des Gottes Muruga, die schon von weitem sichtbar ist und eine ganz besondere spirituelle Atmosphäre ausstrahlt. Muruga – oft auch Kartikeya, Skanda oder Subramanya genannt – ist eine der wichtigsten Gottheiten im südindischen Hinduismus, besonders in Tamil Nadu. Er gilt als Gott des Krieges, des Sieges, der Weisheit und der Jugend. Muruga ist der Sohn von Shiva und Parvati. Der Legende nach wurde er erschaffen, um den Dämon Surapadman zu besiegen und so die kosmische Ordnung wiederherzustellen. Deshalb wird er oft als mutiger Krieger dargestellt, der für das Gute kämpft. In Tamil Nadu ist Muruga besonders tief im Alltag und in der Kultur verwurzelt. Viele Tempel sind ihm gewidmet, und er wird von Millionen Menschen verehrt. Einer der bekanntesten Feste zu seinen Ehren ist Thaipusam, bei dem Gläubige oft aufwendige Rituale und Pilgerreisen unternehmen.
Anschließend setzten wir unsere Reise nach Arcot fort. Dort tauchten wir ein Stück weit in die Geschichte der Region ein und besichtigten gleich zwei bedeutende Bauwerke: das historische Delhi Gate sowie die Überreste des Arcot Forts, die von vergangenen Zeiten erzählen. Arcot ist eine eher ruhige, aber historisch äußerst bedeutende Stadt im Bundesstaat Tamil Nadu. Sie liegt am Ufer des Palar-Flusses und war im 18. Jahrhundert ein strategisch wichtiger Ort – insbesondere während der Machtkämpfe zwischen lokalen Herrschern, den Moguln und europäischen Kolonialmächten wie den Briten und Franzosen. Arcot war einst die Hauptstadt der sogenannten Karnatischen Nawabs und entwickelte sich dadurch zu einem politischen und militärischen Zentrum Südindiens. Ein besonders markantes Bauwerk ist das Delhi Gate. Dieses massive Tor aus dem 18. Jahrhundert ist eines der wenigen noch gut erhaltenen Überbleibsel der alten Befestigungsanlagen von Arcot. Die Überreste des Arcot Fort erzählen von einer Zeit voller Konflikte und politischer Intrigen. Besonders bekannt ist das Fort durch die Belagerung von Arcot im Jahr 1751, ein Teil der Karnatischen Kriege zwischen Briten und Franzosen. Der junge britische Offizier Robert Clive verteidigte das Fort mit einer vergleichsweise kleinen Truppe erfolgreich gegen eine deutlich größere Streitmacht. Dieser Sieg war ein Wendepunkt und trug maßgeblich zum wachsenden Einfluss der Briten in Indien bei. Heute sind vom Fort selbst nur noch Ruinen und Erdwerke erhalten, doch mit etwas Vorstellungskraft kann man sich gut ausmalen, wie bedeutend dieser Ort einst war.
Auch die Natur kam nicht zu kurz – am Kaveripak-Stausee legten wir einen kurzen Stopp ein, um die ruhige Umgebung und den Blick über das Wasser zu genießen.
In Vijayalakshmi Nagar gönnten wir uns schließlich eine wohlverdiente Kaffeepause. Dabei nutzten wir die Gelegenheit, den Ponnyamman Tempel zu besuchen, der mit seiner lokalen Bedeutung und seinem Charme einen schönen Einblick in das alltägliche religiöse Leben bot.
Mit vielen neuen Eindrücken im Gepäck setzten wir anschließend unsere Fahrt fort und erreichten Chennai schließlich kurz vor 14 Uhr – bereit für die nächsten Kapitel unserer Reise.
Nachdem wir uns im Hotel eingerichtet und ein wenig frisch gemacht hatten, zog es uns direkt wieder nach draußen. Zu groß war die Neugier auf unsere neue Umgebung. Unsere Unterkunft liegt im lebendigen Stadtteil Egmore – einem zentralen und geschichtsträchtigen Viertel am Nordufer des Cooum-Flusses. Egmore gilt als wichtiger Knotenpunkt der Stadt: Hier treffen Wohnviertel auf geschäftiges Treiben, historische Gebäude auf moderne Infrastruktur. Auch kulturell hat das Viertel einiges zu bieten.
Bei unserem Spaziergang durch die umliegenden Wohnstraßen wurden wir – wie so oft auf unserer Reise – schnell bemerkt. Mit neugierigen Blicken und freundlichem Lächeln wurden wir empfangen, und ehe wir uns versahen, standen wir wieder für zahlreiche Fotos vor der Kamera. Diese Begegnungen sind jedes Mal aufs Neue herzlich und zeigen, wie offen und interessiert die Menschen hier sind.
Ein ganz besonderes Erlebnis erwartete uns wenig später: Wir stießen erneut auf eine dieser beeindruckenden „Großküchen“, in denen über offenen Feuerstellen riesige Kessel mit duftendem Biryani zubereitet wurden. Die Hitze war intensiv, der Rauch lag schwer in der Luft – und dennoch wurden wir eingeladen, näherzukommen. Mitten im Geschehen durften wir einen Blick in die glühend heiße Küche werfen und die Mitarbeiter fotografieren.
Später gönnten wir uns selbst ein verspätetes Mittagessen sowie Kaffee und Kuchen – eine kleine Pause, um die vielen Eindrücke sacken zu lassen. Am Abend kehrten wir schließlich zurück ins Hotel, wo wir in aller Ruhe die nächsten Tage planten.
Fünf weitere Tage liegen noch vor uns in Chennai – und wenn dieser erste Nachmittag ein Vorgeschmack war, dann erwartet uns hier noch so einiges.