Unser zwölfter Reisetag war gleichzeitig unser erster voller Tag in Chennai. Bis 1996 trug sie noch den Namen Madras, und auch heute begegnet man dieser Bezeichnung noch überall im Alltag. Gegründet wurde die Stadt 1639 von der British East India Company, deren erstes Bollwerk, das Fort St. George, noch immer von dieser Zeit erzählt.
Chennai ist heute nicht nur das Herz von Kollywood, der tamilischen Filmindustrie, sondern auch ein bedeutendes Industriezentrum – nicht umsonst wird die Stadt oft als „Detroit of India“ bezeichnet. Und sie macht ihrem Ruf als heiße Metropole alle Ehre: Mit 36 °C war es heute schon ordentlich warm – und das war noch nicht einmal die Höchstform.
Wir starteten unseren Tag im geschäftigen Stadtteil George Town und machten uns von dort aus auf den Weg zum Meer. Am nördlichen Ende des Marina Beach begannen wir unseren langen Spaziergang Richtung Süden. Der über 13 Kilometer lange Strand zählt zu den längsten urbanen Stränden der Welt – und genau so fühlte es sich auch an: endlos, lebendig und voller Eindrücke.
Unser Ziel war das Chennai Lighthouse, das seit 1977 mit seinen 46 Metern Höhe über die Küste wacht. Von dort aus ließen wir den Strand hinter uns und tauchten wieder in das geschäftige Stadtleben ein, bis wir schließlich die beeindruckende San Thome Basilica erreichten. Sie soll über dem Grab von Thomas the Apostle stehen, der der Legende nach bereits im Jahr 52 n. Chr. nach Indien kam. Die strahlend weiße Kirche, ursprünglich im 16. Jahrhundert von den Portugiesen erbaut und später im neugotischen Stil erweitert, wirkte wie ein ruhiger Gegenpol zur lauten Stadt.
Ein kleines Highlight des Tages wartete ganz unscheinbar zwischendurch: In einem kleinen Laden stärkten wir uns mit einem Omelette und kühlen Getränken – und wurden von einem unglaublich freundlichen Verkäufer überrascht, der uns einfach noch drei Gebäckstücke zum Probieren schenkte.
Frisch gestärkt zog es uns weiter in den historischen Stadtteil Mylapore zum Kapaleeshwarar Temple. Der Tempel ist Shiva gewidmet und gehört zu den ältesten und lebendigsten Orten der Stadt. Schon von weitem beeindruckte uns der farbenprächtige Gopuram, geschmückt mit unzähligen Figuren aus der hinduistischen Mythologie.
Der heutige Tempel stammt vermutlich aus dem 16. Jahrhundert, wobei das ursprüngliche Bauwerk einst näher am Meer gestanden haben soll. Besonders spannend war es, die Vorbereitungen für das Arupathimoovar Festival zu beobachten – ein großes Fest zu Ehren von 63 Heiligen, das die Straßen rund um den Tempel normalerweise in ein Meer aus Farben und Prozessionen verwandelt. Auch wenn wir es zeitlich verpassen werden, konnten wir die besondere Atmosphäre bereits erahnen.
Unseren Stadtrundgang setzten wir schließlich durch ein einfacheres Viertel fort – fernab der großen Sehenswürdigkeiten und doch mindestens genauso eindrucksvoll. Enge Gassen reihten sich aneinander, gesäumt von kleinen, oft improvisierten Häusern und Hütten. Dazwischen entdeckten wir winzige Läden, offene Werkstätten und Handwerksbetriebe, in denen das Leben auf ganz unmittelbare Weise stattfand.
Was uns dabei am meisten beeindruckte, war nicht die Einfachheit der Verhältnisse, sondern die Herzlichkeit der Menschen. Immer wieder wurden wir angesprochen, neugierig begrüßt, in kurze Gespräche verwickelt.
Mit vielen Eindrücken machten wir uns schließlich auf den Rückweg in unser Hotel. Über 10 Kilometer lagen bereits am Vormittag hinter uns! Im Hotel haben wir dann zunächst unsere Wäsche gewaschen…
Nach einer kurzen Pause zog es uns am späten Nachmittag noch einmal hinaus in die lebendige Hitze der Stadt. Unser erstes Ziel war das Valluvar Kottam, ein beeindruckendes Monument zu Ehren des tamilischen Dichters und Philosophen Thiruvalluvar.
Schon beim Näherkommen wurde uns die besondere Ausstrahlung dieses Ortes bewusst. Im Zentrum des Komplexes erhebt sich ein gewaltiger steinerner Tempelwagen, ein sogenannter Chariot, der an die prächtigen Festwagen südindischer Tempel erinnert. Mit seinen rund 39 Metern Höhe wirkt er fast monumental – still, kraftvoll und voller kultureller Bedeutung.
Ohne festes Ziel schlenderten wir durch die umliegenden Viertel, vorbei an kleinen Geschäften, Straßenständen und dem allgegenwärtigen Treiben der Stadt.
Schließlich fanden wir ein gemütliches Café, in dem wir den Tag bei einem einfachen Abendessen ausklingen ließen.